Gesund-Sein in Lebenswelten – ein humanistischer Ansatz in der Gesundheitsförderung

Salutogen-ressourcenorientiert – und alles ist gut?

Das Thema Gesundheit ist in den letzten Jahren glücklicherweise stark in den Focus präventiver Aufmerksamkeiten gerückt. Viele sehr gute salutogen-ressourcenorientierte Programme und Maßnahmen wurden konzipiert, entwickelt und umgesetzt. Der Bedarf war und ist angesichts der wachsenden Anzahl stressbedingter, körperlicher und psychosomatischer Erkrankungen gegeben. Interessanterweise wird das Angebot gerade in beruflicher Gesundheitsförderprogrammen nicht in solchem Maße angenommen, als Anbieter sich dies wünschen würden. Die Dringlichkeit ein nachhaltiges Gesundheitsbewusstsein zu vermitteln, braucht in der Vermittlung offensichtlich einen langen Atem. Oftmals steht ein: „Keine Zeit!“ „Bitte nicht noch was tun müssen!“ oder: „Nützt eh nichts…!“ den wunderbaren Angeboten entgegen.

Eine gute Gelegenheit dieses „Überfordert von allem und jedem-Symptom“ (und sei es auch von Gesundheitsförderungsprojekten…) einmal unter die Lupe zu nehmen.

Kulturelle Entwicklungen

Seit den 80 und 90er Jahren spiegelt sich präventives Gesundheitsbewusstsein, wie oben schon erwähnt, glücklicherweise in Inhalten von Seminar- und Fortbildungsprogrammen. Der Frage „Was macht uns krank?“ wird längstens vielerorts die Frage „Was erhält uns gesund?“ vorangestellt.
Parallel dazu waren in großen Teilen unserer Gesellschaftsbelange (besonders seit den 90erJahren) Phänomene einer ungeheuren Beschleunigung zu bemerken (auf die ich hier nicht näher eingehen werde). Internet, soziale Medien, Digitalisierung und vieles mehr sind wohl Segen und Fluch zugleich. Auch ohne in einen, wenig förderlichen, Kulturpessimismus zu verfallen, kann eine zunehmen Leistungsorientierung auf breiter Ebene nicht verleugnet werden. Neben vielen zeit- und ressourcensparenden Auswirkungen unserer beschleunigten Welt, blieben die „Symptome“ einer, auf Optimierung ausgerichteten, Arbeitswelt nicht aus. Diffuse Stresserkrankungen, Burnoutsymptomatik und eine Reihe psychosomatische Erkrankungen machten und machen auch Expert/innen (immer wieder) ratlos. Damit einhergehend setzte der vielzitierte „Rückzug in`s Private“ ein…

Und – auch die wunderbarsten gutgemeinten ressourcenorientierten Herangehensweisen in der Gesundheitsförderung kamen der kollektiven Leistungs- und Optimierungsschiene der letzten beiden Jahrzehnten nicht aus. Trainer/innen vermittelten Stressbewältgungstools und Zeitmanagement zur optimalen Entlastung (in immer noch kürzeren Programmen). Expert/innen entwickelten immer noch bessere Ressourcenkonzepte mit vielen Tools und Skills, die in kurzen Methodenschritten vermittelt und effektiv eingesetzt werden sollen. (hier ein wenig pointiert formuliert)

Jedoch – Menschen wurden und werden „müde“ und fühlen sich auch bei noch so durchdachten Resilienzmethoden oftmals überfordert. Kurzfristig begeistere Konsument/innen von gut gemeinten Gesundheitsförderprogrammen scheitern oftmals an tatsächlicher Anwendbarkeit erlernter Strategien (und fühlen sich dadurch wieder als VersagerInnen) sowie an fehlenden Nachhaltigkeit.

Zeitgemäße Bedürfnisse / Reduktion … – und „Weniger ist mehr!“

Stelle ich heute in Seminaren und Workshops die Frage, was denn heutzutage für ein gutes Leben wirklich wichtig sei und was in der Gesundheitsförderung wirklich benötigt würde, antworten Menschen zunehmend mit: „Weniger ist mehr“, Ruhe, Stille, Achtsamkeit, Wertschätzung, Anerkennung, u.a.
Befragt auf den Wunsch von Inhalten bei Gesundheitsförderungsprogrammen lauten die Anliegen:
Wertschätzende Kommunikation / Wie sage ich ehrlich meine Meinung? Wie kann ich mir Gehör verschaffen? Wie schütze ich meine Privatsphäre? Wie setze ich gute Grenzen im Miteinander?
Und gerade in den letzten beiden Jahren: Humor / Leichtigkeit.

Waren in den 90er Jahren Seminarthemen wie „die Marke Ich“ , „Vom Problem zur effektiven Lösung“ Dauerbrenner, so setzte ein gravierender Wandel ein. Bedürfnisse scheinen sich zu verschieben.

Menschen beginnen sich (trotz einer gesellschaftlichen Ausrichtung auf Optimierung und Wachstum) wieder als verletzliche und ruhebedürftige Wesen zu verstehen. Eine Sehnsucht nach inneren Werten, nach einem „Füreinander Sorgen“, eine Besinnung auf menschliche Werte, auf Verletzlichkeiten und Sensibilitäten stellt sich zunehmend ein. Vor allem wollen Menschen gefragt werden, was sie wirklich brauchen und wehren sich möglicherweise unbewusst gegen Effektivierungsbevormundung.

Fazit und Ausblick – Optimismus statt Optimierung

  • Trotz salutogener evidenzbasierter Herangehensweisen in präventiven Projekten ist die Sicht auf das Thema „Gesundheit“ immer noch sehr stark funktional geprägt (bedingt durch gesellschaftliche Interpretationen einer leistungsorientierten Gesellschaft).

  • Wird im Setting Schule betriebliche GGF durchgeführt, so werden gewohnheitsmäßig zu Beginn Ressourcen und Belastungen der Arbeitssituationen erhoben und darauf aufbauende Programme entwickelt, die notwendige Information, Bewältigungs-Strategien und Trainingsmethoden vermitteln. (Vorträge, Seminare, Workshops u.a.).

  • Traditionelle Wissensvermittlung basiert zumeist immer noch auf den Annahmen rationalen Verstehens, analysebezogener Erkenntnis. D.h. man nimmt an, Wissensinput, Information und Training führt zu Verstehen und vernunftvolles Verstehen führt in der Folge zu Umsetzung und optimalerer Handlung. Gesundheitsförderung geht jedoch über rationales Verstehen hinaus. Verstehen (rationale Einsicht) allein ist oft zu wenig.

  • Eine vorangestellte lebenspraktische Sensibilisierung zum Thema „Ganzheitliche Gesundheit / Ganzheitliche Gesundheitsförderung“ ist wenig vorgesehen
    (Was meinen wir mit „Gesundheit“? Was wollen wir? Welche Wege wollen wir beschreiten?).

  • Es fehlt tatsächlich an lebenspraktischem Verständnis (Kopf-Herz), am Erkennen von Zusammenhängen und an individueller Auseinandersetzung.

Gesundheit als „unfertiges“ lebenspraktisches Thema vermitteln…

< Es scheint notwendig Gesundheit in einer Art und Weise zu kommunizieren, die Lust macht, auf breiterer Ebene (persönlich, kulturell, gesellschaftlich) kreative Wege zu beschreiten.1

< Mittels Sensibilisierung für das Thema (kulturell, gesellschaftlich, persönlich…), durch kreative, entschleunigte Herangehensweisen, lebensthematische Auseinandersetzungen und einer Involvierung in die Thematik (in Herangehensweisen die Kopf und Herz berühren) hat das Thema Gesundheit einerseits sehr gute Chancen Akzeptanz und Interesse zu finden und andererseits quasi als Türöffner Lust auf viele sinnvolle weiterführende Bereiche zu fungieren. (Wertschätzung, Ökologie, Philosophie u.a.)

< Humanistische Gesundheitsförderung setzt darüber hinaus auf Entschleunigung in Umsetzung und Strategieplanung. Kurzfristig erzielte Verhaltensänderungen (Ernährung, Sport, Entspannung…) bringen zwar oft kurzfristige Erfolge, scheitern in der Nachhaltigkeit leider oft als „einer unter mehreren Versuchen“, da innere Überzeugungen oder ein Ausrichten auf individuelle stimmige Lebensqualitäten fehlt.

Zeitgemäße humanistische Gesundheitsförderung und ihre Ausrichtung

(eine bedürfnisangepasste inhaltliche Weiterführung der Ottawa Charta)

Im Folgenden mein Versuch ganzheitliche Gesundheitsförderung an zeitgemäße Bedürfnisse anzupassen und weiter zu entwickeln. Nachfolgendes Konzept ist Fazit meiner jahrelangen Entwicklungsarbeit und meiner Erfahrungen in Umsetzung und Feedback der hier beschriebenen humanistischen Herangehensweise (3 Ebenen der GGF). Integrative Burnout Therapie (IBT), spezifische LKUF Programme, Führungskräftezyklen im Bildungsbereich, auf dieser Basis adaptierte Beratungs- und Supervisionsformate und der Lehrgang Public Health Lehrer/innen Gesundheit basiert auf diesen lebensphilosophischen Annahmen in Herangehensweisen, Vermittlung, Methodik und Weiterentwicklung.

Meines Erachtens brauchen wir kein völlig neues Konzept, sondern eine bedachtsame Weiterentwicklung bestehender Gesundheitsförderungs-Konzepte. Die Basis einer sinnvoller GGF sind nach wie vor die, bis heute gültigen, wohl durchdachten Inhalte der WHO Ottawa Charta. (Definition WHO 1986: Gesundheit als physischen, psychischen und sozialen Wohlergehens / Wohlbefinden). Die WHO beschreibt „Gesundheit“ als Wert, der von allen Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt wird: dort, „wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben“. Die Charta folgt in seiner Ausrichtung einer sinn- und stärkenorientierten Gesundheitsphilosophie (Ebene 1 – health being) und effektiver Informationsvermittlung und vielfältiger Handlungsmotivation folgt (Ebene 2 – health doing).

Diesen traditionellen beiden Ebenen füge ich ein dritte hinzu, die heutige gesellschaftliche Bedürfnissen nach „weniger ist mehr“ berücksichtigt und der Sehnsucht nach Ruhe, Achtsamkeit, Wertschätzung u.a. entspricht.

  1. Sinn und Sein, Werte, Lebensqualität/ Lebensperspektiven Health Being

  2. Stressbewältigung Instrumentarien / Training „stark und gesund“ Health Doing

  3. Achtsamkeit, Wertschätzung, „Bedachtheit“ Humanistic Awareness

Jedoch steht keine Ebene ganz für sich allein. Nur alle drei Ebenen zusammen bilden eine sinnvolle Basis. Durch Einbindung von Eben 3 vermag auf Ebene 1 und 2 Bedachtheit und Besonnenheit Einzug halten.
In ihrer Vernetzung und Verbindung bewirken alle Ebenen zusammen Optimismus statt Optimierung und vermögen den Menschen bestenfalls an die guten alten Kompetenzen der Gelassenheit und Leichtigkeit zu erinnern!

Die drei Ebenen innovativer humanistischer Gesundheitsförderung im Detail

Health Being

An Sprache und Leitgedanken der Ottawa Chart kann man eine grundsätzliche Orientierung an den Grundsätzen humanistischer Psychologie, an Prinzipien der care-ethik und am Konzept positiver Psychologie bemerken (Maslov, Seligman). Die Charta versteht sich als ausdrücklich als positives, werteorientiertes Konzept. Ziel ist, Wohlergehen und förderliche Lebensqualitäten durch ein Ernstnehmen eigener Bedürfnisse und durch eine Verankerungen in Sinn – und Seinsperspektiven zu unterstützen. Menschen sollen ermutigt, befähigt und ermächtigt werden selbstbestimmt für ihr GesundSein sorgen zu können.
(Bedürfnis und Ressourcenerhebungen, Selbstempowerment, Zugang zu notwendigen Information u.a. )

Health Doing

Parallel dazu wurden, gerade in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, bedingt durch eine zunehmende gesellschaftliche Leistungsorientierung, die Themen „Stressbewältigung“ und „Stressprävention“ immer populärer. Durch vielfältige Forschungen und Studien wurden gezielte Methoden entwickelt. Daraus resultierende Trainings, Tools und Skills fokusierten Verbraucherinteressen. Stressbewältigung und Stressprävention zielt darauf ab, Menschen Instrumentarien an die Hand zu geben, um den immer komplexeren Anforderungen des täglichen Lebens besser und effektiver gerecht werden zu können. Erhebung, Training und Übung sind wesentlicher Teil dieser Ebene.

Bis hinein in den Beginn des 21. Jahrhunderts bildeten beide Ebenen zusammen die maßgeblichen Leitlinien der Gesundheitsförderung, wobei seit Mitte der 90erJahre eine starke Ausrichtung zur Schiene der Bewältigungsstrategie bemerkbar wurde.

Humanistic-awareness

In den letzten beiden Jahrzehnten setzte eine kulturphilosophisch interessante Entwicklung ein. Bedürfnisse verschieben sich. Menschen sehnen sich nach Ruhe, nach Auszeit, nach Anerkennung und einem dringlichen „Weniger ist mehr.!“ Bezogen auf Gesundheitsförderangebote könnte man es etwas salopp so formulierten: Der ewig sinnsuchende Selbstaktualisierer (health being) ist genauso wie der immerwährende Stressbewältiger und Informationsträger müde geworden. Heute sind nicht die tüchtigen, taffen, quasi unerschütterlich unverletzbaren, vor Selbstsicherheit gleichermaßen Strotzenden ein ansprechendes Identifikationsbild in der Gesundheitsförderung, sondern Menschen, die sich als „Persönlichkeit“ bemerken, beachten und sensibel bleiben für sich und andere (und Humor haben!). Kraftvoll zu seinen Überzeugungen zu stehen, diese auch ausdrücken, sich dabei aber auch mal verunsichern zu lassen, wirkt ansprechender als super selbstbewusst alles können zu müssen. Diese, sich derzeit entwickelnde, dritte Schiene wird innerhalb der Gesundheitsförderung in den nächsten Jahren eine immer größere Rolle spielen. Man könnte diese Ebene einstweilen als Humanistic Awareness bezeichnen.

Jedoch!!!
Nur alle drei Ebenen zusammen bilden in der Gesundheitsförderung ein gutes solides Fundament. Jede Ebene braucht ihren Wirkkreis und vor allem ihre Rückbindung auf die beiden anderen Ebenen.

Es ist nach wie vor immens wichtig individuelle und gemeinschaftliche Verhaltensgewohnheiten zu überdenken, zu verändern und auf traditionell gesunde Lebensweisen (Sport, Bewegung, Ernährung) zu achten (health doing). Zeitgleich können Fragen der Seins- Orientierung (Was ist mir als Lebensqualität wichtig? Worauf möchte ich, möchten wir als Gemeinschaft achten? u.a. ) wesentlich identifikationsstiftend sein (health-being). Diese Wege ruhig und bedacht zu beschreiten, dabei auf sich und andere zu achten, kann viel zu gelingender Umsetzung beitragen (health humanistic awareness).


Anhang 1

Fragen und Ausrichtung Ebene 1: Sinn und Sein

Sinnhaftigkeit im Leben, Rückbindung auf sinngeleitetes Tun im Leben (im Job!),
Allgemeine Fragen wie: Was bedeutet für mich persönlich „Gut im Leben stehen“

Was macht mich aus, als die die ich bin im Sinne meiner Talente und Fähigkeiten,
Werteorientierung in der Persönlichkeitsarbeit: Werte und Ressourcen, Was macht mich lebendig?

Reflexionen und biografisches Arbeiten: Wo stehe ich grade?
Veränderungsprozesse und Perspektivenwechsel sowie Fragen allgemeiner Ethik

Fragen und Ausrichtung Ebene 2: Stressbewältigung

Information über Bewegung, Ernährung, Sport, Verhaltenstraining für Stresssituationen, Mentales Training

Information über psycho-physiologische Zusammenhänge des Stressgeschehen als auch der Entspannung, Stressoren und Copingstrategien,
Reaktion auf Stress und Stressfolgen: Was ist zu tun? Was ist möglich?

Resilienz: Wie kann ich den alltäglichen Anforderungen gerecht werden?
Entwicklung psychischer Widerstandskraft

Lifeleadership / Reflexion: Stressoren als Kraftfeld – Energiequellen und Energieräuber erkennen, Individuelles Gleichgewicht in den verschiedenen Lebensbereichen herstellen

Frage und Ausrichtung Ebene 3: Humanistic Awareness

Involvierung in philosophisches Nachdenken zu verschiedenen Lebensthemen:
GesundSein: Was meinen wir damit in Zeiten wie diesen? Was scheint für Menschen wesentlich zu sein?
Augenmerk auf Reduktion,
Allgemeine Fragen zu: Was ist wirklich wichtig im Leben? Lebenskunst in heutigen „Zeiten“,
Praktische Philosophie in Berufswelten: Professionalität und Menschlichkeit / Was scheint uns wichtig?
Bezüge zu den Themen: Selbstsorge, „Füreinander Sorge tragen“, Bedachtheit, Besonnenheit
Achtsamkeit, Wertschätzung, Anerkennung.

Kommunikation: Entschleunigung und Wertschätzung im Miteinander, Prämissen im professionellem Setting,
Information zu Handlungsoptionen mit Augenmerk auf entschleunigtes, bedachtes Agieren,
Natur als Kraftquelle wahrnehmen und erleben,

Leichtigkeit im Leben finden, Humor!

1http://www.goeg.at/: Gesundheit Österreich GmbhAls bedeutendster nachhaltiger Einflussfaktor für Gesundheitskompetenz ist das Bildungswesen zu sehen, da hier die grundlegende funktionelle Literacy (Schreiben, Lesen, Rechnen) gebildet wird. Neben dem Bildungswesen sind das Gesundheitssystem und weitere kulturelle und gesellschaftliche Lebensfelder wichtige Ansatzbereiche für Maßnahmen.

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