Wer braucht schon eine Philosophin?

Text-Input, Nacht der Philosophie, Keplersalon Linz

„So, jetzt schreib deine Erkenntnis auf“, sag ich und gebe ihr einen Stift in die Hand.
„Welche denn?“ fragt sie ungewiss.
„Na die, die du da grade hattest, so weise und so gscheit.“
„Ich hatte eine Erkenntnis? Echt jetzt?“
„Ja was soll denn das sonst sein?“
„Naja wenn du meinst. Okay. Also…“
Sie steht auf und geht zur Schreibwand meiner Praxis. Erst zögernd, bringt sie nach und nach ihre ureigenen, grade geborenen Aussagen erfrischender Lebensphilosophie zu Papier.
„Jetzt will das nur noch im Leben wurzeln können.“
„Stimmt, stehst du mir bei?“
„Ja gern, wenn ich darf?“


Manchmal kommen die besten Gedanken unserer ureigenen Lebenskunst eher beiläufig, leise, nebenher. Manchmal aber auch heftig blitzartig, mächtig, wie Donner und Gewitter. Manchmal rauben verwirrende Gedanken uns den Schlaf, grade wenn Veränderung ansteht und unsere urinnersten Instanzen gehört werden wollen. Und – ja manchmal brauchen selbstermächtigende Gedankengänge Geburtshilfe und dann, ja dann ist ihre philosophische Praktikerin zur Stelle. So viel erstmal zur Frage – wer braucht schon eine Philosophin?

Also, wir philosophische PraktikerInnen helfen tatsächlich oftmals einfach nur Gedanken zu gebären, die sowieso schon irgendwo irgendwie vorhanden sind, sie zu ordnen, zu sortieren und auf gut Glück in lebensweltliches Handeln zu befördern. Also hinein ins Selber-denken, in dieses Zutrauen – kopfüber ins Philosophieren mit Freude? Was so einfach klingt, ist es manchmal auch und manchmal auch ganz und gar nicht, weil eben A nicht so einfach zu B führt, wie wir aus unserer eigenen Lebenspraxis nur zu gut wissen.

Eben genau, und deshalb fliegen meine Gedanken zu einem Augenblick zartester Vorsicht. Ich sitze einer Dame im besten Alter in meiner Praxis gegenüber und staune wie schon so oft über ihre Zartheit. Seit zwei Jahren begleite ich sie, stehe ich ihr bei. Und heute, grade eben, breitet sie ihre beherzte Denkflügel aus und schwingt sich, nach Zeiten tiefer Melancholie auf – in Sphären ureigener individueller Freiheit. Sie erzählt, zaghaft und doch mutig, von Erkenntnissen, die sich nun zu Lebensperspektiven formen, die Gestalt annehmen, von ersten Handlungsschritten, die gelingen. Ich sehe sie an, höre sie sprechen und denke: bitte denk weiter in deine heilsame Richtung. Ich möchte aufspringen und ihr herzlich die Hände schütteln, möchte tanzen vor Freude. Aber ich weiß, grade jetzt ist Zurückhaltung angesagt, zu zart sind ihre beherzten Denkflügel noch. Jungfernhaftes Selber-Denken im Sinne sich seiner Weisheitsmöglichkeiten zu bedienen, ist wie zarte Libellenflügel ausbreiten, nie wissend ob es klappen wird, ob Handlung sich entpuppen möchte oder doch lieber nicht. Nun, Enthaltung ist angesagt, Zurückhaltung und Ermutigung.

Manchmal bin ich einfach auch nur eine Art Wächterin an der Seite eines Menschen, der aus welchen Gründen auch immer sich grade einmal schwer tut, sich selber weiter treu zu bleiben. Brauchst du eine Wächterin? frage ich immer öfter einmal. Wenn du willst, will ich dir gerne Hüterin deiner Selbstbefähigung sein, Zeugin, deines, wie immer auch, Lebensvorhabens. Ich werde dir beistehen, dich begleiten und wenn es denn sein muss, auch lästige Fragen stellen. Gerne, sagen immer öfter Menschen, die nur zu gut wissen, was ich meine.

Oftmals geht es um heilsame Selbstsorge. Aber auch um Überprüfung von Einstellungen und Werten, um Haltungen zu was immer auch. Kein Thema zu schwer, zu banal, zu tief, zu leicht. Was da ist, ist da und will gesehen werden.

Sie lehnt sich zurück. Ein Moment des Innehaltens.
Äh, was hab ich gesagt.
Ja, komm versuche es nochmal. Das war jetzt eben so wahr, so stimmig.
Sie versucht es nochmal, wir lachen.

Das ist eine gescheite Erkenntnis, da setzten wir uns jetzt drauf, sag ich.
Das mit dem: Da setzten wir uns jetzt drauf, sag ich oft. Die Leute lachen schon drüber.

Oder ein anderer meiner Sager: Wenn du dich wirklich ernst nimmst, was ist dann? Du hast dieses eine Leben, das ist nicht nichts. Zuerst erstaunte Gesichter. Ja echt, stimmt, ja das ist wahr. Beim gefühlt hundertzwanzigsten Mal: Wenn du dich wirklich ernst nimmst, lachen die Leute: Ja wissen wir eh…

Lachen und ernst nehmen, zwei Gegensätze? Mitnichten, meint ihre Philosophin. Wenn wir gelernt haben unsere eigenen ForscherInnen zu sein, wenn wir dazu stehen, ernsthafter Wahrhaftigkeit folgen zu wollen, dann kann man auch wieder drüber lachen. Lachen und Weinen, Heiterkeit und Tiefe, ein Widerspruch? Mitnichten, wenn wir uns auf einer tiefen menschlichen Ebene begegnen lachen, und weinen wir. Nicht immer versteht sich, keine Angst.

Zurück zur Frage, wozu es denn eine philosophische Praktikerin braucht. Neben Begleitung und Beratung haben wir auch noch eine weitere Daseins-Berechtigung. Dieses philosophierende Selber-Denken kann nämlich bestens geübt und kultiviert werden. So manch eine philosophische Übung bringt Menschen in freudiges, bewegliches In-die-Gänge-kommen, meint ihre Philosophin und deshalb mag sie das so gerne vermitteln.

Ah ja genau, dazu fliege ich in einen weiteren Moment meiner Arbeit.
Erster Tag unserer Burnout Therapie, in der wir an Erschöpfung erkrankte Menschen vier Wochen lang auf dem Weg zu ihren heilsameren Lebensweisen begleiten.

Warum seid ihr hier, frage ich? Um gesund zu werden klarerweise, blöde Frage, wozu sonst? Frag nicht so blöd, macht uns gesund hier oder lasst uns in Ruhe, scheint in der Luft des Widerstandes im Raum zu schweben. Aha, gut aber wovon reden wir denn eigentlich? Gesund-Sein was soll das denn sein? frage ich und ernte erstaunte Gesichter.

Und dann montieren wir ihn ab, den Begriff, ganz und gar. Wir demontieren mit Lust, mit Leidenschaft. Was verbindest du damit, was meinst du damit, als diese je einzigartige Person, der ich soviel Aufmerksamkeit geben will, wie sie nur will. Was denkst du, sollten Menschen in Zeiten wie diesen wieder mehr leben, mehr lernen zu leben? Rigorose Dekonstruktion ist heilsam, meint ihre Philosophin. Und noch nie, tatsächlich noch nie, hat irgendeine Klientin unserer Burnouttherapie dies als unnützes Geschwätz erlebt. Im Gegenteil, nach erstmaligem Staunen, aha kein Vortrag über ausgeklügelte Widerstandskraft-Strategien, beginnt philosophische Lust. Not macht Philosophie-lieben, vielleicht gerade weil es soviel an Ratgeberliteratur gibt, die immer schon zu wissen vermeint, was gut für dich ist. Lösungen in 1-10 Schritten-Methodik, natürlich oft heilsam, gibt es aber schon zur Genüge. Erstmalige Enthaltung tut gut, meint ihre Philosophin. Methoden-fasten nennt sie das. Vielleicht weil zu schnelles Methoden-lernen zu wenig Respekt zeigt vor dem eben unverwechselbaren individuellen Leid. Könnte doch zumindest sein, meint wer? Natürlich das meint, wie immer, ihre Philosophin.

Also ja gut dann schrauben wir, montieren ab und zerlegen unhinterfragte Begriffe in ihre Einzelteile. In philosophische Workshops über Wertschätzung frage ich zum hunderteintausendsten Mal: Was meinst du damit? Was kann denn Wertschätzung dir selber gegenüber sein und was gegenüber der Welt? Und – was ist es eben nicht? Ja wir verwechseln gerne was, weil wir den Begriffen, die grade einmal modern sind erstaunlich wenig Kritik entgegenbringen. Umso mehr erstaunlich ist, dass Menschen, wenn man sie lässt, ganz von alleine erkennen, mittels philosophischem Antrieb versteht sich, denn sonst wäre ihre Philosophin ja wieder einmal überflüssig…

Mit Selber-Denken ist nicht von Haus aus reines Vernunftdenken gemeint, sondern jede Spur menschlicher Erkenntnis. Da wir jedoch sprachliche Wesen sind, ist es hilfreich eine Sprache, welche auch immer, für das, was wir salopp Philosophieren nennen, zu finden, wobei auch Schweigen bisweilen der Weg der Wahl ist.

Da fällt mir ein… ich fliege zu einem anderen kürzlichen Moment. Gruppenarbeit, einige Leute sind heillos zerstritten, es schwelt im Untergrund. Soll ich jetzt zum Konfliktlösungsprogramm übergehen oder weiter arbeiten? Kriegen die Streithähne ihre Bühne oder verwehre ich sie? Wie kommen die anderen dazu? Ich entscheide mich, die Bühne nicht frei zu geben, nicht jetzt.
So, sage ich, es sind Konflikte im Raum, das wissen wir alle. Ich wünsche mir von denen, die es betrifft, ihre Konflikte mit oder ohne meiner Hilfe zu klären, nach der Gruppe. Jetzt aber, meine Lieben, sind wir mehr als diese Konflikte. Wir werden weiter arbeiten und uns selber zeigen, dass wir mehr sind als diese Konflikte. Die Leute nicken still, betroffen, aber irgendwie erleichtert und dann arbeiten wir weiter. Am Ende überlege ich kurz und dann lasse ich sie drei Fragen aufschreiben: Was wünscht du dir für dich? Was wünscht du dir für die Gruppe? Und: Was wünscht du dir für die Welt? Die letzte Frage – ein Hohn? Ein Überfluss angesichts dringender persönlicher Not und streitbarer Bedürfnisse? Ich glaub nicht. Zugegeben, das ist mir damals grade so eingefallen, aber siehe da, es hilft. Der Blick auf das große Ganze scheint den Geist zu öffnen.

Natürlich habe ich auch andere therapeutische Werkzeuge, die ich auspacke, wenn ich sie brauche. Therapeutische Begleiterin, psychologische Beraterin, Supervisorin, das alles bin ich gerne. Aber philosophische Praxis lehrt mich Enthaltsamkeit, lehrt mich still zu sein in entscheidenden Momenten. Es lehrt mich das Prinzip der Selbstbefähigung zu ehren, lehrt mich Respekt vor Gedankengängen zu haben, seien sie auch noch so verquer.

Auch habe ich gelernt, dass Begleitung nicht per se Therapie meint. Die Fragen des Lebens wollen nicht gleich einmal therapiert werden, sondern brauchen Ermächtigung um da sein zu dürfen. Überhaupt lerne ich, dass Berührt-sein heilt. Ist das jetzt praktisches Philosophieren? Ich meine ja, weil uns die Praxis lehrt, dass A eben nicht zu B führen muss. Weil philosophische Spurensuche meint: Räum dein inneres Zuhause auf und schau was im Wesentlichen wirklich da ist, beforsche, was immer beforscht werden will. Werde zu deiner Forscherin, mit Unterstützung ab und an natürlich, denn sonst wäre die philosophische Begleiterin wieder einmal obsolet.

Ja jetzt erinnere mich an einen älteren Lehrer, dessen Anliegen viele teilen, die kommen.
Ich bin so daneben, sagt er und schaut mich hilfesuchend an.
Aha
Ja weil ich jetzt, da ich doch eigentlich zufrieden sein sollte, nicht weiß was ich will. Weil ich und das ist noch furchtbarer, nicht weiß wer ich bin. Ich sollte doch zufrieden sein, oder?
Gratulation, das sind gute Fragen. Manche nennen das Philosophie.
Ah ja?

Lächelndes Erkennen…

Wir werden niemals genau wissen wer wir sind und was uns tatsächlich zuinnerst ausmacht, aber unserem Da-Seins-Sinn zu folgen tut gut. Bitte Leute, sag ich, stellt die Urfragen des Lebens nicht unter pathologischen Verdacht, nur weil wir wenig gewohnt sind diese ins erlaubte Denken zu heben. Wenn ihr könnt geht ihnen nach. Wenn ihr könnt, weil manchmal kann man das nicht, zugegeben, ich weiß das nur zu gut.

Und es darf sich in Heiterkeit auflösen, weil es heilsam ist, aber auch endlos, und genau da drinnen liegt der Witz und Ernst der Sache. Keine neue Wahrheit im Angebot, bitte nicht. Eher von Erkenntnis zu Erkenntnis, die so manche Handlung erblühen lässt. Lass uns in aller Relativität mit Bedacht und Besonnenheit über weite Wolken fliegen. Tanze und feiere dieses Nicht-Wissen, welches uns ein Stück weit freier macht. Laden sie ihre Philosophin ein und ich verspreche Ihnen es macht auch Spaß.

Echt jetzt?

Ja

Aha.

Ja gut, dann forschen und fliegen wir munter weiter und folgen in Gelassenheit dem nach, was die Philosophie Praxis nennt.

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